Die zweite Bedeutung der Modalverben
subjektive Modalverben
Subjektive Modalverben drücken eine Vermutung oder ein Urteil des Sprechers aus, nicht Pflicht oder Erlaubnis: muss, soll, will.
Er muss krank sein heißt nicht „Er ist gezwungen, krank zu sein“, sondern „Er ist bestimmt krank“. Modalverben können also eine Vermutung ausdrücken. Du bekommst eine Skala der Sicherheit und das soll der Zeitungssprache.
Jetzt: derselbe Satz, zwei Lesarten
Lies diese Seite erst, wenn du die erste Bedeutung der Modalverben sicher kannst. Hier geht es um die zweite Bedeutung derselben Verben.
KurzregelFolgt sein oder ein Zustand, drückt das Modalverb meistens eine Vermutung aus. Folgt eine Handlung, hat es wahrscheinlich die normale Bedeutung. sollen bedeutet: Das haben andere gesagt („angeblich“).
| Satz | Erste Bedeutung | Zweite Bedeutung |
|---|---|---|
| Er muss arbeiten. | Er ist verpflichtet zu arbeiten. | — |
| Er muss krank sein. | Er ist verpflichtet, krank zu sein. | Er ist bestimmt krank. |
| Er soll reich sein. | Es wird verlangt, dass er reich ist. | Angeblich ist er reich (man sagt das). |
| Er will Arzt sein. | Er möchte Arzt sein. | Er behauptet, Arzt zu sein. |
Die letzte Zeile ist besonders tückisch: Er will Arzt sein = Er behauptet, Arzt zu sein. Wenn er Arzt werden möchte, sagst du Er will Arzt werden. Ein Wort, ganz anderer Sinn.
Drei Fragen helfen dir beim Verstehen
Diese Modalverben sagen nicht, was jemand muss oder darf. Sie zeigen, woher eine Information kommt und wie sicher sie ist. Frag dich bei jedem Satz: Wer sagt das?
| Modalverb | Was es ausdrückt | Beispiel |
|---|---|---|
| muss | sichere Vermutung – der Sprecher schließt es aus Indizien | Er muss krank sein. |
| soll | Hörensagen – andere haben es gesagt | Er soll reich sein. |
| will | eigene Behauptung – der Sprecher zweifelt | Er will Arzt sein. |
| dürfte | vorsichtige Vermutung | Er dürfte vierzig sein. |
Frag dich beim Lesen: Ist das mein Schluss (muss)? Sagen es andere (soll)? Oder behauptet es die Person selbst (will)? Die Antwort zeigt dir das Modalverb.
Tabelle: Welches Modalverb ist wie sicher?
Diese Verben bilden eine Skala der Sicherheit. Oben steht die Gewissheit, unten die Unmöglichkeit:
| Modalverb | Wie sicher | Beispiel |
|---|---|---|
| muss | 95 % – sicher | Er muss krank sein. – Er ist bestimmt krank. |
| dürfte | 75 % – sehr wahrscheinlich | Er dürfte zu Hause sein. – Er ist wohl zu Hause. |
| könnte / kann | 50 % – möglich | Er könnte krank sein. – Vielleicht ist er krank. |
| kann nicht | 0 % – unmöglich | Das kann nicht stimmen. – Das ist nicht möglich. |
dürfte ist hier eine Form des Konjunktiv II und hat keine Bedeutung von Erlaubnis. Es ist die höfliche Vermutung, die du im Gespräch am häufigsten hörst – lies es zusammen mit der Seite zum Konjunktiv II.
Die zweite Gruppe sagt nichts über die Sicherheit, sondern über die Quelle der Information:
| Modalverb | Wer sagt das? | Beispiel |
|---|---|---|
| soll | andere Leute – „man sagt, dass …“ | Der Film soll gut sein. – Man sagt, der Film ist gut. |
| will | die Person selbst – „nach eigener Aussage“ | Er will alles gesehen haben. – Er behauptet, alles gesehen zu haben. |
Mit wollen in dieser Bedeutung zeigt der Sprecher Zweifel. Wenn jemand sagt Er will das nicht gewusst haben, heißt das: „Er sagt, er wusste es nicht, aber ich glaube ihm nicht.“
Zwei typische Fehlerquellen
sollen immer als „sollen“ lesen
Auf A1 lernst du sollen als Aufforderung oder Rat, und das stimmt. Folgt aber ein Zustand, verschiebt sich die Bedeutung zum Hörensagen. Die beiden Lesarten können ganz verschieden sein.
Du sollst mehr schlafen.
→ Rat, erste Bedeutung.
Er soll sehr reich sein.
→ Hörensagen, zweite Bedeutung.
So unterscheidest du sie: Wer wird angesprochen? Sagt man den Satz zu du oder Sie, ist es meistens ein Rat. Geht es um eine dritte Person und folgt ein Zustand, ist es Hörensagen.
Die Vergangenheit falsch bilden
Bezieht sich die Vermutung auf die Vergangenheit, ändert sich der Bau. Hier bleiben viele hängen. Es gibt nur ein Muster: Modalverb + Partizip II + haben / sein, alles am Ende.
| Jetzt | Vergangenheit | Bedeutung |
|---|---|---|
| Er muss krank sein. | Er muss krank gewesen sein. | Er war bestimmt krank. |
| Er soll reich sein. | Er soll reich gewesen sein. | Angeblich war er damals reich. |
| Sie muss es wissen. | Sie muss es gewusst haben. | Sie wusste es bestimmt. |
Die Reihenfolge ist immer gleich: erst das Partizip II, dann der Infinitiv des Hilfsverbs. gewesen sein · gewusst haben · gegangen sein.
Er muss krank gewesen ist.
→ Das Hilfsverb wird nicht konjugiert, es bleibt Infinitiv.
Er muss krank gewesen sein.
→ So ist es richtig.
Was oft nicht gesagt wird: Die Zeitungssprache baut darauf auf
Lehrbücher packen dieses Thema in einen Kasten „zweite Bedeutung der Modalverben“ und gehen weiter. In Wirklichkeit ist sollen das Rückgrat des deutschen Journalismus. Damit kann ein Journalist etwas melden, ohne dafür die Verantwortung zu übernehmen.
Der Täter soll 30 Jahre alt sein.
→ Die Zeitung bestätigt das nicht.
Die Firma soll Millionen verloren haben.
→ Das wird nur behauptet.
Wer das nicht kennt, hält die Meldung für eine sichere Tatsache. Bei jedem soll sagt dir der Autor aber: „Das sage nicht ich, das sagen andere.“
Genauso ist wollen in Gerichts- und Polizeimeldungen ein Zeichen für Zweifel: Der Angeklagte will nichts gewusst haben – der Angeklagte sagt, er wusste nichts. Sobald du dieses Wort in einem Text siehst, weißt du: Der Autor glaubt es nicht.
Praktische Folge: Diese Seite ist zum Lesen, nicht zum Sprechen. In der mündlichen Prüfung musst du das nicht selbst bilden. Wenn du aber deutsche Nachrichten, Anzeigen und Behördenbriefe lesen willst, musst du den Unterschied kennen.
Was du gerade gelernt hast
Bei einer mittleren Wahrscheinlichkeit (50 %) – „möglich“ – verwendest du könnte oder das Modalverb _____.
Antwort zeigen
kann. Die Modalverben könnte (Konjunktiv II) oder kann zeigen, dass etwas möglich ist (50 % Wahrscheinlichkeit).
Der Satz Er muss krank sein. sagt, dass er ganz sicher krank ist und es keine andere Möglichkeit gibt.
Antwort zeigen
Falsch — Wenn müssen eine Vermutung ausdrückt, bedeutet es eine starke Vermutung (90–95 %), aber keine hundertprozentige Sicherheit.
Man sagt, dass er reich ist. Welcher Satz passt?
Antwort zeigen
Er soll reich sein. sollen zeigt, dass die Information von anderen kommt.
Was du diese Woche machst
Dieses Thema setzt sich durch Lesen fest, nicht durch Übungen. Fünf Minuten pro Tag:
- Öffne einen kurzen Artikel auf einer deutschen Nachrichtenseite (tagesschau.de schreibt einfach).
- Unterstreiche alle Sätze mit soll und will.
- Formuliere jeden Satz um mit „angeblich“ oder „er behauptet“ – passt die Bedeutung?
- Bilde drei Vermutungen über dein eigenes Leben: Er muss … sein · Sie dürfte … sein · Das kann nicht stimmen.
- Setze einmal pro Woche denselben Satz in die Vergangenheit: Er muss krank gewesen sein.
Du bist am Ende des B1-Wegs. Ab hier gibt es keine Wiederholung, sondern Vertiefung: Du erkennst dieselben Strukturen in längeren Texten. Geh zurück zum B1-Weg und such dir aus, was noch fehlt.
Bau den Satz selbst
Tipp die Wörter an und bring sie in die richtige Reihenfolge. Das ist der schwierigste Teil im Deutschen – und es gibt keine Auswahl: Du baust den Satz.
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Wörter antippen
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Wörter antippen
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Wörter antippen
Vor dem Test wissen
Der Kern des Themas in drei Zeilen, darunter die häufigsten Fehler.
- Modalverb + sein = Vermutung
Folgt auf das Modalverb keine Handlung, sondern ein Zustand (krank sein · zu Hause sein), dann drückt es keine Pflicht aus, sondern eine Vermutung. Er muss arbeiten = Er ist verpflichtet zu arbeiten; Er muss krank sein = Er ist bestimmt krank.
Er muss krank sein. · Sie dürfte schon zu Hause sein.
- Die Leiter der Sicherheit
Wenn du im selben Satz das Modalverb tauschst, ändert sich die Stärke der Vermutung: muss (sicher) → dürfte (wahrscheinlich) → könnte (möglich) → kann nicht (unmöglich).
Das muss stimmen. → Das dürfte stimmen. → Das könnte stimmen. → Das kann nicht stimmen.
- sollen und wollen berichten, sie vermuten nicht
sollen = andere sagen es (Zeitungssprache). wollen = eigene Behauptung des Subjekts, der Autor bleibt auf Abstand. Keines von beiden ist die Vermutung des Sprechers; sie zeigen die Quelle.
Er soll reich sein. (man sagt das) · Er will Arzt sein. (er behauptet es)
- Vermutung über die Vergangenheit: Partizip II + sein/haben
Bezieht sich die Vermutung auf die Vergangenheit, steht statt des Infinitivs der Infinitiv Perfekt: gewesen sein · gemacht haben. Das Modalverb wird weiter konjugiert, der Rest bleibt unverändert.
Er muss krank gewesen sein. · Sie will nichts gewusst haben.
Er muss krank gewesen ist.
Er muss krank gewesen sein.
Nach dem Modalverb steht immer ein Infinitiv. Auch im Perfekt bleibt es ein Infinitiv – nicht das konjugierte ist, sondern der Infinitiv sein.
Er soll krank sein – ich glaube, er ist krank.
Er soll krank sein – das sagen die Leute.
sollen gibt weiter, was man gehört hat, nicht die Meinung des Sprechers. Für die eigene Vermutung brauchst du dürfte oder muss.
Das darf stimmen.
Das dürfte stimmen.
Die Bedeutung „Vermutung“ steckt im Konjunktiv II von dürfen (dürfte). Das normale darf bedeutet Erlaubnis.
Sie will Lehrerin sein – sie möchte Lehrerin werden.
Sie will Lehrerin werden – sie möchte Lehrerin werden.
Der Wechsel in einen Beruf wird mit werden ausgedrückt. wollen mit Lehrerin sein bedeutet: „Sie behauptet, Lehrerin zu sein.“
Teste dich
Tipp auf eine Antwort – dann schauen wir gemeinsam, warum sie stimmt.
Was bedeutet „Er muss krank sein“?
Man sagt, dass er reich ist. Welcher Satz passt?
Was bedeutet „Er will Arzt sein“?
Er muss krank . (Vermutung über die Vergangenheit)
Eine Zeitung schreibt „Der Täter soll 30 Jahre alt sein“. Was bedeutet das?
Der Chef noch im Büro sein. (vorsichtige Vermutung: wahrscheinlich noch im Büro)
Übung geschafft – –
Um das Thema abzuschließen, mach den ganzen Test: Mit 60 % ist es auf deinem Niveau-Weg als erledigt markiert.
0/6 · Fragen beantwortet
Arbeitsblatt Vermutung mit Modalverben
Diese ganze Seite – Tabellen, Stolperfallen, Beispiele – als ein PDF. Herunterladen, ausdrucken und vor der Prüfung noch einmal durchgehen.
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